20 Jahre Torfkurier, der Film






‚Bufdi‘ – warum nicht?

FSJ und Bufdi, eine gute Idee.

Text: Götz Paschen
Fotos: Katharina Englisch und Götz Paschen

„Wir hatten im Jahrgang viele, die gar nichts gemacht haben oder auch ein FSJ oder Bufdi. Das ist nicht wie vor fünf bis zehn Jahren, als das die Ausnahme war. Man kommt aus dem Leistungsstress und den Abi-Prüfungen und die Frage ist: Tue ich mir das an und mache gleich weiter? Und: Weiß ich schon, was ich nach dem Abi machen möchte?“ Pauline Löding (19) hat in Verden Abitur gemacht und im Anschluss bei der Stiftung Waldheim in der WG 33 in Langwedel-Cluvenhagen ihren ‚Bufdi‘ gestartet. Die Waldheim-Gruppe betreut in verschiedenen stationären und ambulanten Einrichtungen 800 geistig Behinderte von 6 bis 97 Jahren mit rund 650 Mitarbeitern. Laut Löding macht sich dieses Jahr gut in der Vita und stärkt die soziale Kompetenz.

FSJ oder Bufdi?
Organisator für alle FSJ-Teilnehmer ist der Internationale Jugendgemeinschaftsdienst (ijgd). Seit 1983 bietet er das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) an, seit 1993 das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ). Der ijgd ist die Bewerbungsstelle und verteilt die FSJ-ler dann auf ihre Wunscheinrichtungen. Wer sich direkt bei seiner Einrichtung bewerben will, wird Bufdi (auch BFD = Bundesfreiwilligendienst). Das geht etwas flotter. Das FSJ ist altersbeschränkt von 16 bis 26 Jahren. Der Bufdi ist altersmäßig unbeschränkt ab 16 Jahren möglich. Die Stiftung zahlt 629 Euro im Monat. Zum Bufdi gehören fünf mal fünf Tage Seminar in Hannover oder Braunschweig. Die Teilnehmer und Vorträge sind bunt gemischt: Behinderte, Rollstuhlexperimente, Drogen …

Einstieg
Löding hat sich die Stiftung bei der Ausbildungsmesse im Gymnasium am Wall angeguckt und mit dem Fachbereichsleiter am Stand gesprochen: Wie läuft es ab? Wie hoch ist das Gehalt? Was muss man machen? Welche Kompetenzen sind gefragt? Heute weiß sie: „Keine Berührungsängste haben, respektvoll sein und stressresistent.“ Und warum kein FÖJ? „Ich wollte mich Menschen arbeiten.“ Sie hatte vorher keinen Kontakt zur Pflege und keine Behinderten im näheren Umfeld. Bei vielen Menschen finden trotz verstärkter Integration geistig Behinderte im Lebensalltag nicht statt. Nach einer eintägigen Hospitation in der WG 33 hat Löding sich dafür entschieden. „Die Bewohner der WG 33 sind supernett und der Hospitag hat auch schon Spaß gemacht. - Aber da muss man sich schon erstmal reinfinden, wenn man es nicht kennt.“

Berufsperspektive?
Ursprünglich wollte Pauline Löding Jura studieren. Aber im Juli saß sie dann in der Außen-WG 33 in Langwedel mit Blick auf die Allerniederung beim Grillen. So kann es kommen. Was war ausschlaggebend? „Ich wollte nicht nur den ganzen Tag im Büro sitzen mit Zetteln auf dem Tisch. - Geld ist zwar auch ein Thema, aber es steht nicht über allem.“ Nach dem Bufdi folgen für sie hier laut Plan drei Jahre Ausbildung als HEP (Heilerziehungspfleger) und dann eventuell noch das Studium ‚Soziale Arbeit‘. Da ist die junge Frau noch nicht festgelegt.

WG 33
In der WG wohnen sieben bis acht junge Erwachsene mit geistiger Behinderung im Alter von 20 bis 30 Jahren, geschlechtsgemischt. Hier arbeitet Löding Montag bis Mittwoch. Donnerstag und Freitag ist sie in der WG 2, einer Pflege-WG mit hohem Pflegebedarf. WG 33 bietet Assistenz. Ziel ist, dass die Behinderten selbstbestimmt und eigenständig leben. Den Frühdienst beschickt ein Mitarbeiter alleine, die Spätschicht zwei bis drei. Das ist WG-abhängig. Je selbständiger die WG, umso weniger Betreuer sind vor Ort. Die Mitarbeiter bieten Hilfe, das Leben alleine zu bewältigen von morgens aufstehen bis abends Zähne putzen. „Wo es klemmt, wird assistiert. Wir wollen ihnen möglichst nicht zu viel abnehmen.“

Frühdienst
Der Frühdienst ist kurz. 6 bis 10 Uhr: Den Rollstuhlfahrer wecken, Assistenz im Bad. Die anderen stehen selbständig auf. Frühstück mit Schwätzchen. Gucken, dass alle zeitig loskommen. Mit dem Fahrrad zum Stiftungsgelände und dann mit dem Bus zur Werkstatt oder teilweise in Kooperationsbetriebe der freien Wirtschaft. - Danach Dokumentation von Alltag und Besonderheiten im Büro, so verlangt es das Gesetz. Sonntags ist früh von 8 bis 14 Uhr. 38,5 Stunden schafft eine Bufdi. 26 Tage Urlaub gibt es im Jahr. Jedes zweite Wochenende ist frei. „Jedes Wochenende feiern zu gehen, ist schlecht, wenn man im Wohnbereich eingeteilt ist.“ Die Mitarbeiter aus Werkstatt, Tagesförderung und Förderschule haben jedes Wochenende frei.

Spätdienst
Der Spätdienst läuft von 13.30 bis 21 Uhr: Zuerst Dokumentation, Wäsche sortieren ... Mittag gibt es in den Werkstätten. Dann kommen die Leute und ihre verschiedenen Freizeitaktivitäten: Theatergruppe, Musikband, Walken, Schwimmen, Fußball … Löding und Kollegen gucken, dass alle pünktlich unterwegs sind. Sie räumt ihren Leuten in der WG hinterher, organisiert den Nachmittag, macht Fahrdienst, begleitet zum Friseur oder Arzt. 19 Uhr Abendbrot. „Ich bin Organisator des Ladens. Das ist schon spannend.“ Das Programm dürfte vielen Müttern und einzelnen Vätern bekannt vorkommen. Ab 21 Uhr ist Schlafbereitschaft. WG 33 schläft durch. In anderen ist nachts mehr zu tun. - Am Wochenende läuft es lockerer ab. Der Tag hat weniger Struktur. Die Behinderten entscheiden, wann sie aufstehen, was sie frühstücken und wie es danach weitergeht.

Inklusion
Inklusion ist laut dem Soziologen Talcott Parsons die ‚Einbeziehung bislang ausgeschlossener Akteure in Subsysteme‘. Die Behinderten sollen ein möglichst normales Leben führen. Das ist die moderne Zielvorstellung vieler Behinderteneinrichtungen in Deutschland. Urlaub, Freimarkt, Kino, Schwimmbad, Essen gehen, Handicap-Fußball im TSV Achim mit Samstag-Spiel. Das möglich zu machen, ist Lödings Aufgabe. „Die sehen uns als den stillen Helfer und nicht als Betreuung. Wir bemuttern die jetzt auch nicht. Die Bewohner sind alle mal da, mal nicht – wie in einer Familie.“ 80 % der Arbeit ist am Menschen, 20 % am Schreibtisch. Mit den Behinderten-Werkstätten hat Löding wenig zu tun. Die ‚harten WGs‘ bleiben den langjährigen Profis vorbehalten.

Nähe – Distanz
„Manchmal bist du fast wie eine Mutter zu den Leuten. Für manche bist du der Betreuer, für manche der beste Freund. Man darf nicht vergessen, dass man nicht beste Freunde ist, sondern nur Betreuer. Man muss selbst gucken, wo die eigene Grenze ist.“ Das gilt auch für körperliche Nähe. „Man kann Umarmung zulassen, aber es gibt Grenzen. Und nach einem stressigen Tag, habe ich mal Feierabend mit Menschlichkeit.“ Wer sollte hier kein Bufdi werden? „Leute, die nicht so gut mit Menschen reden können. Das ist auch nichts für Leute, die sich nicht in andere hineinversetzten können.“ Für die eigene Sozialkompetenz ist die Arbeit „ein unheimlich großer Vorteil. Im Privatleben war ich früher superschüchtern. Inzwischen ist es für mich viel leichter, Kontakt herzustellen. Das macht vieles einfacher.“

HEP
„Bufdi macht Spaß und ist eine wichtige Erfahrung. Auch wenn man nachher nicht im Thema bleiben will, würde ich es empfehlen.“ Löding steht kurz vor der Absendung ihrer Bewerbung zum HEP. „Meine Eltern wollten, dass ich ein duales Studium mache.“ Pauline Löding hat andere Pläne. Katharina Englisch, die Pressefrau der Stiftung, meint: „Das ist kein Beruf, bei dem man reich wird im monetären Sinne.“ Aber Dieter Haase hat auch als Zivi in der Stiftung angefangen und mit der HEP-Ausbildung weitergemacht. Heute ist er Vorstand der Gruppe und Geschäftsführer der Waldheim-Werkstätten.

Torftipp: 1) Bufdi: Direkt bei den Einrichtungen bewerben. 2) FSJ: ijgd Landesverein Niedersachsen e.V., Zingel 15, 31134 Hildesheim, Tel. 0 51 21 -  206 61 - 20, www.ijgd.de