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Bremen trinkt das Halsetal leer

BUND Verden kämpft um ein vernünftiges Wassernutzungskonzept.

Text: Götz Paschen
Fotos: Udo Paepke; Lars Kulesch/pixelio.de; Götz Paschen

„1980 beim Einzug hatten wir ganzjährig den gleichen Grundwasserstand und hier im Bach viele Amphibien“, erinnert sich Udo Paepke (63). Er ist Vorsitzender der BUND-Kreisgruppe Verden. Ehrenamtlich kümmert er sich um Wildbienen und Wasser. Seit 1990 ist er mit der Thematik befasst. Heute fällt der Bach vor seiner Haustür im Sommer trocken. Nicht eine Kaulquappe hat hier eine Chance. Das stört Paepke und den BUND. Das zu ändern, heißt, dicke Bretter zu bohren. Beruflich ist der Diplom-Verwaltungswirt Rechnungsprüfer beim Landkreis. Vor dicken Akten hat er keine Angst. Die Zeit drängt. Zum 30.4.2018 könnten relevante Wasserlieferungsverträge an die Stadt Bremen gekündigt werden.

Wasserwerk
1983 hat der Trinkwasserverband Verden das Wasserwerk ‚Panzenberg‘ neu gebaut und die Förderung aufgenommen. Das Wasserwerk Panzenberg besteht aus sieben Brunnen an unterschiedlichen Stellen. „Die Bremer haben sich an den Kosten beteiligt.“ Das beschert ihnen laut Paepke bis heute sehr günstige Einkaufspreise bei hoher Wasserqualität. Die genehmigte Fördermenge liegt bei 10 Millionen Kubikmetern im Jahr (cbm/a) und wird mit 9,2 Millionen fast vollständig realisiert. „Vier bis fünf Jahre nach Förderbeginn haben sich Schäden bemerkbar gemacht: Die Halse trocknete in den Sommermonaten aus.“ Die Halse ist ein rechter Nebenfluss der Aller und beherbergt Rote Liste-Arten. Paepke spricht von Grundwasserabsenkungen bis zu 9,50 Metern in Scharnhorst, und in Dauelsen bis zu 2,50 Metern. Betroffen sei ein 100 Quadratkilometer großes Gebiet im Bereich der Gemeinde Kirchlinteln, der Stadt Verden, des Fleckens Langwedel, das von Völkersen über Kirchwalsede bis Kreepen reicht.

Naturschutzgebiete
„Im Halsetal liegen Landschaftsschutz-, Naturschutz- und FFH-Gebiete (Fauna-Flora-Habitat). Das sind Gebiete, die EU-weit gemeldet wurden und nach EU-Richtlinie unter Schutz gestellt sind.“ Laut neuer EU-Wasserrahmenrichtlinie ‚gelten die Vermeidung einer weiteren Verschlechterung sowie der Schutz und die Verbesserung des Zustands der aquatischen Ökosysteme und der direkt von ihnen abhängenden Landökosysteme und Feuchtgebiete im Hinblick auf deren Wasserhaushalt als vorrangig.‘ Das klingt sperrig. Kurz: Naturschutzgebiete dürfen durch falsche Wasserwirtschaft nicht ausgetrocknen. Paepke spricht von der Austrocknung von Gräben, Absackungen in den ausgetrockneten Bereichen und Gebäudeschäden. Sein Haus ist laut Gutachten an einer Seite 10 Zentimeter abgesackt, die Einfahrt 25 Zentimeter; die Eisenbahnschienen im Bereich Dauelsen auf der alten Amerikalinie (der Bahnstrecke Langwedel - Uelzen) auf einer Teilstrecke um 20 Zentimeter. „Das Problem ist, den Verursacher nachzuweisen, also die Trinkwasserförderung in diesem Fall.“

‚Rettet das Halsetal‘
Hinter der Bürgerinitiative ‚Rettet das Halsetal‘ stecken Bewohner aus Scharnhorst und Dauelsen, die ihre Spaziergehlandschaft und die Natur schützen wollen. 1999 reichten sie eine Petition beim Niedersächsischen Landtag ein mit über 1.000 Unterschriften. Die Initiative beklagt die Gefährdung des Halsetals durch die Wasserförderung. „Wir wehren uns gegen die Folgen für das Ökosystem im Halsetal, das beschädigt wurde und wird.“ Die Auswirkungen der Grundwasserabsenkung auf Vegetation, Fauna und Wasserhaushalt wurden von Prof. Dr. Cordes und Prof. Dr. Venzke umfangreich untersucht. Paepke beruft sich auf Artikel 20 a im Grundgesetz und meint: „Die Nutzung erneuerbarer Naturgüter darf auf Dauer nicht größer sein als ihre Regenerationsfähigkeit.“ Geht es wirklich nur um Frösche und Störche? Im Naturschutz sind einzelne Tierarten Indikatoren dafür, dass insgesamt das Gleichgewicht aus den Fugen geraten ist, auch für die anderen Bewohner und Pflanzen dieses Lebensraums. Hängt eine System/eine Fläche ökologisch längere Zeit schief, hat das weitreichende Folgen, nicht nur für die Spaziergängeroptik.

Trinkwasser
Um das Trinkwasser im Landkreis kümmert sich der Trinkwasserverband Verden (TV). Mitglieder sind die Gemeinden und Städte im Landkreis. Die Mitgliedsgemeinden haben die Pflicht zur Versorgung der Bevölkerung auf den Trinkwasserverband übertragen. Die Satzung des Verbandes von 2001 benennt als Hauptzweck die Versorgung der Bewohner und Betriebe im Landkreis Verden. Paepke: „Der TV kann die Versorgung des Landkreises Verden vollumfänglich sicherstellen.“ Der Landkreis braucht 7,7 Millionen cbm/a. 6,2 Millionen liefert der TV und 1,5 Millionen die Stadtwerke Verden. Eine Kann-Bestimmung erlaubt dem TV die Lieferung an externe Kunden. Paepke bemängelt die umfangreiche Lieferung vom Wasserwerk Panzenberg an die Stadt Bremen. „Die Bremer Versorgung ist keine gesetzliche Verpflichtung des Trinkwasserverbandes Verden, sondern ein privatwirtschaftliches Geschäft.“ Die Stadt Bremen selber verfügt nicht über ausreichend eigene Wasservorkommen, um die Versorgung für Bremen selber sicherzustellen. Sie muss daher aus dem Umland in Niedersachsen Wasser einkaufen. Der Einkauf erfolgt über die Harzwasserwerke, den Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverband und den TV.

Bremer Wasserbedarf
„Der Verband hat in den vergangenen Jahren Gewinne zwischen 500.000 und 1 Millionen Euro pro Jahr erwirtschaftet. Sie wurden als Kapitalrücklagen verwendet und zum geringen Teil an die Mitgliedsgemeinden ausgeschüttet.“ Von der geförderten Wassermenge des TV: 16 Mio. cbm/a geht der überwiegende Teil (zirka 10 Mio.) an Bremen. Von den 10 Mio. für Bremen kommen 8 Mio. alleine aus dem Wasserwerk Panzenberg. In Bremen ist von 1991 bis 2013 der Verbrauch um 18 % gesunken - das liegt zirka im Bundesdurchschnitt. Die Senkung in Bremen (9,6 Mio cbm/a) entspricht ungefähr der Fördermenge am Panzenberg. Der TV liefert weiter viel, während andere Lieferanten ihre Liefermengen kürzen. So lautet Paepkes Kritik aus seiner Forderung nach einem neuen Fördermengenkonzept vom 20.8.2015. Sechs Seiten hochspannende Information im Namen des BUND und der Bürgerinitiative. Die swb (Stadtwerke Bremen) kaufen den Kubikmeter Wasser netto vom TV für 34 Cent und verkaufen ihn für 1,99 Euro, mit schlanken 485 % Aufschlag. Warum verkauft der TV das Wasser so günstig? Paepke: „Der Preis pro Kubikmeter ist unverschämt gut, vermutlich weil sich die Bremer an den Investitionskosten des Wasserwerkes Panzenberg beteiligt haben.“ Mindestens so gut wie der Preis ist die Rohwasserqualität am Panzenberg. „Es ist eiszeitliches Wasser aus der ‚Rotenburger Rinne‘, das einige Tausend Jahre alt ist und zum ersten Mal nach oben kann. Das wird dann auch für Autowaschanlagen, Klospülung und Gartenbewässerung benutzt.“

Alternativen
Paepke spricht von Überhängen anderer Lieferanten wie den Wasserwerken Delmenhorst, Wulsdorf, und Wittkoppenberg (VER). Sie könnten dazu beitragen, die Liefermenge am Panzenberg zu reduzieren. „Der TV bezweifelt die Überhänge oder die wirtschaftliche Nutzbarkeit von Alternativvorkommen.“ Der TV hat privatrechtliche Lieferverträge (10 Mio. cbm/a) von 1980 mit der swb Vertrieb Bremen GmbH. Die könnten bis zum 30.4.2018 fristgereicht zu 2023 gekündigt werden. „Von Seiten des TV wird eine Kündigung nicht für geboten gehalten. Man will den Markt nicht abgeben an andere Anbieter. Der BUND rät zu einer Änderungskündigung: Preise rauf, Liefermengen runter. Nach unserer Kenntnis verlängert sich sonst der Fördervertrag um weitere zehn Jahre bis zum Jahr 2033.“ Umweltverbände müssen an dem Wasserrechtsverfahren beteiligt werden. Die Fördergenehmigung am Panzenberg ist 2009 ausgelaufen. Es wurde eine vorläufige Genehmigung erteilt, weiter zu fördern wie bisher. Für eine Genehmigung liegt ein Antrag vom 31.3.2015 vor. An dem Verfahren müssen auch die Naturschutzverbände beteiligt werden. „Das Verfahren ist noch nicht so weit. Daher sind wir noch nicht gehört worden. Wenn die Genehmigung mit verminderter Menge kommt, kann der TV seinen Liefervertrag gegenüber der swb nicht erfüllen.“ Der BUND würde im Rahmen des Beteiligungsverfahrens Vertragseinsicht einfordern.

Engagement
Paepke und seine Vorstandkollegin Heike Vullmer sind mitten im Thema: „Wir sind als Verband im rechtlichen Bereich viel unterwegs. Mir macht es Spaß, ich komme ja aus dem Bereich. Man spricht dieselbe Sprache wie die Verwaltung.“ Seine Hauptkritik klingt dann allerdings leicht verständlich und wenig bürokratisch: „Die Fördermenge anderer Versorger hat sich erheblich reduziert, während sie beim TV sogar gesteigert wurde, obwohl es sich um einen ökologisch höchst sensiblen Bereich handelt, in dem dadurch Schäden verursacht werden. Das Wasser ist billig und hat eine super Qualität.“ Die swb machen also alles richtig. Wir im Landkreis auch?

Torftipp: Aktiv werden im BUND Verden, 0 42 31 - 733 97, paepke.bund.verden@t-online.de


Infokiste:
Wasserwissen


‚Rotenburger Rinne‘
Die Rotenburger Rinne ist eine eiszeitliche Schmelzwasserrinne mit einem Grundwasserleiter, ein unterirdischer Wasserstrom. Sie führt eiszeitliches Grundwasser von hoher Qualität, kommt aus dem Stader Bereich und läuft in nordsüdlicher Richtung bis zur Weser.

Wasserstockwerke
Durchgängig trennende Mergelschichten zwischen zwei Grundwasserstockwerken sollen für eine Trennung der Wasserschichten sorgen. Das bisherige Gutachten für die bestehende Genehmigung geht von diesen trennenden Mergelschichten aus. Laut Gutachten von Dr. Udo Schmidt, externer Gutachter, beauftragt vom Trinkwasserverband Verden, hat sich diese Stockwerktrennung als falsch herausgestellt. In Wirklichkeit entsteht ein Trichter, der zu einer Grundwasserabsenkung führt, weil die Versickerungsmenge nicht der Regenwassermenge entsprochen hat. Die Förderung aus dem untersten Stockwerk in 250 Metern Tiefe hat Auswirkungen auf das oberirdische Ökosystem.

Regenwasserklo
Der Landkreis nutzt Regenwasser in den Toiletten des Kreishauses Verden. Er hat beim Einzug 1998 in die ehemalige britische Kaserne eine Vorbildfunktion einnehmen wollen, um Trinkwasser zu sparen. Es wurde im gesamten Kreishausbereich ein zweiter Wasserkreislauf eingebaut. Es gibt zwei unterirdische Zisternen die den Regen sammeln. Die Toilettenspülungen laufen mit Regenwasser vom Kreishausdach. Alle anderen Leitungen mit normalem Trinkwasser.

Nitratbelastung
Die Februargülle ohne vitales Pflanzenwachstum bleibt auf dem Acker und Inhaltsstoffe aus ihr gehen dann zum Teil ins Grundwasser. Die Nitratbelastung an verschiedenen Messstellen im Landkreis Verden liegt über den erlaubten 50 mg pro Liter Grundwasser (EU-Wasserrahmenrichtlinie und Trinkwasserverordnung). Der Grundwasserzustand ist in Niedersachsen an 38 % der Messstellen über diesem Grenzwert. Die Wasserwerke filtern das Wasser. Das Problem der Nitratbelastung wird auf die Wasserversorger verlagert.

Pestizide
Belastungen durch Pestizide sind im Grundwasser nachweisbar. Oft braucht es Jahrzehnte, bis sie da angekommen sind. Das Gift Atrazin ist seit 1991 verboten und jetzt noch im Grundwasser nachweisbar. Ein Grund mehr für den Kauf von Produkten aus der biologischen Landwirtschaft.

Fracking/Gasförderung
Man pumpt die Frackflüssigkeit in Gesteinsschichten, um Gase daraus zu lösen. Frackwasser und Gas werden gefördert und das Frackwasser muss entsorgt werden. Das wird zum Teil entgiftet und teilweise mit und ohne Gift wieder im Erdboden verpresst. Auch bei normaler Erdgasförderung kommt Lagerstättenwasser automatisch mit hoch. So wird nach wie vor aus einer Bohrstelle im Wasserschutzgebiet nahe der Trinkwasserbrunnen des Wasserwerkes Panzenberg Gas gefördert. Andererseits wurde Lagerstättenwasser von 1998 bis 2012 in einer Tiefe von 1.350 Metern im Wasserschutzgebiet am Panzenberg ungereinigt wieder im Boden verpresst. Es besteht die Gefahr der Grundwasserverunreinigung durch Leckagen an den Leitungen. Entsprechend müssten sich die Bremer Konsumenten als Wasserkunden in Verden für Lagerstättenwasser und Fracking im Landkreis interessieren.