20 Jahre Torfkurier, der Film






Geführte Erinnerungskultur

Geschichte greifbar machen.

Text: Götz Paschen, Fotos: Götz Paschen, Udo Fischer / TouROW und www.meike-goebel.de

Die Gästeführerin Almuth Quehl (61) aus Kirchwalsede führt Gruppen zum Thema regionale Sagen im Schein ihrer Laterne in Rotenburg, Visselhövede und Scheeßel. „Ich habe in den drei Orten unterschiedliche Geschichten. Meine Quellen sind antiquarische Bücher aus den 20er bis 50er Jahren. Die besorge ich mir hier auf Flohmärkten und auch zum Teil im Internet. Ich gucke auch immer noch. Und am Weicheler Damm ist die Außenstelle des Kreisarchivs. Daneben habe ich auch ein paar alte Leute zu Geschichten gefragt, die hier im Dorf kursierten.“ Quehl ist eine von drei Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Gästeführungen im Landkreis Rotenburg und zuständig für den Südkreis. Sie hat in Göttingen Geschichte studiert. „Gästeführungen halten dich fit. Du bist mit Menschen zusammen und unterwegs. Und du kannst kreativ sein.“ Laternenführung klingt erst einmal eher putzig, aber der Schein trügt.

Holocaust
Quehl führt auch durch die ‚Cohn-Scheune‘´, ein jüdisches Museum in Rotenburg, das sich mit dem Schicksal der Familie Cohn beschäftigt. „Die führe ich aus Überzeugung. Da bin ich im Verein, mache auch Museumsdienst und finde das Gedenken ganz wichtig.“ Sigrid Peters, eine Gästeführungskollegin und Michael Quelle hatten das Schicksal der Familie und ihre Deportation ins Konzentrationslager erforscht. Es gab widersprechende Behauptungen in Rotenburg. Andere meinten: ‚Die Cohns sind irgendwie weggezogen.‘ „Der damalige Stadtarchivar hat die Forschungen noch einmal nachvollzogen und kam auch zu dem Ergebnis, dass die Cohns nach Auschwitz deportiert worden sind.“ Ein Verein hat die Cohn-Scheune mit Unterstützung aus dem Rathaus wieder aufgebaut. Die Stadt lieferte den Bauplatz und ist in der Diskussion „vor Meckerern nicht eingeknickt. Die Eröffnungsresonanz war großartig und positiv. – Ich interessiere mich nicht für Geschichte, weil es Vergangenheit ist, sondern weil sie Auswirkungen in die Gegenwart hat.“

Martin Alexander
Quehl erzählt mir auch einen Abriss der Geschichte des Juden Martin Alexander aus Visselhövede. Der wurde 1872 zum ersten jüdischen Bürgermeister gewählt. „Das passive Wahlrecht für Juden war sehr frisch. Alexander war mit der Familie Cohn weitläufig verwandt.“ Die Juden hatten es auch damals nicht leicht in Deutschland. „Sie waren rechtlich sehr stark eingeschränkt. Ein Umzug war nur mit Schutzbrief möglich. Ansonsten waren sie rechtlos. Der Schutzbrief wurde ordentlich bezahlt. Erwachsene Kinder mussten wegziehen.“ Zusammen mit ihrer Kollegin Hanna Tamke hatte Quehl 2018 zahlreiche Persönlichkeiten zum Weltgästeführertag nach Visselhövede eingeladen. „Da kam auch Lizi Alexander-Christiansen, die Urenkelin des Martin Alexander.“ Sie ist in Kolumbien aufgewachsen und als Erwachsene der Liebe wegen wieder nach Deutschland gezogen in die Region Celle. „Die Familie ist in den 1930er Jahren nach Kolumbien ausgewandert. Die Urenkelin hat über ihre Jugend in Kolumbien berichtet. Ihr Vater Robert Alexander hat ihr nie etwas über ihre jüdische Herkunft erzählt. Sie hat es selber herausgekriegt. Ihr Vater hatte Angst, dass sich der Antisemitismus in Kolumbien fortsetzt.“

Vergnügen
So, jetzt aber mal wieder leichte Kost! Quehl führt in Visselhövede in der Rolle der Minna Dierks historisch in die Gründerzeit um 1900. In dieser Rolle tritt sie als Handwerkerwitwe auf und trägt Schwarz. Ihre zweite historische Führung in Tracht liefert sie in Rotenburg unter dem Namen Christiane Carstens ab. Als Frau des Pastors berichtet Quehl über die Zeit des Biedermeier um 1840. „Für die Verkleidung gehe ich überall zum Trödler und auf Flohmärkte.“ Das Lorgnon (die Brille am Stil) hat sie bei einem wilden Antiquitätenladen in Neuenkirchen erstanden. Ihr Optiker hat ihr in das Gestell echte Lesegläser eingesetzt. „Bei der Ausstattung will ich auch weitestgehend korrekt sein. Das macht doch Spaß.“

Gründerzeit
„Visselhövede hat eine total spannende Geschichte. Es war Boomtown mit Vollbeschäftigung um 1890: eine Zündholzfabrik, drei Honigfabriken unter anderem die größte Deutschlands, die ‚Norddeutsche Honig- und Wachswarenfabrik‘, vier Ziegeleien, eine Wagenfabrik … Es war führend bei der Gründung von ländlichen Genossenschaften nach dem Modell Raiffeisens mit einem regen Herrn Zollikofer und der Geflügelzucht- und Eierverkaufsgenossenschaft, der Molkereigenossenschaft, dem Rinderversicherungsverein …“ Wieso gerade Visselhövede? „Hier gab es Unternehmertypen. Und Visselhövede hatte früh eine Bahnanbindung durch die Amerikalinie. So konnten Rohstoffe geholt und Waren abtransportiert werden.“ Visselhövede sei viel besser als sein Ruf, behauptet Quehl. „Ich finde Visselhövede durchaus klasse. Zum Beispiel arbeiten die Stadt und der Heimat- und Kulturverein gut zusammen und stellen was auf die Beine.“

Biedermeier
In Rotenburg führt Quehl mit Haube (korrekt Schute) und geht noch einmal 60 Jahre zurück in der Geschichte. „Rotenburg hat nicht so eine industrielle Geschichte. Hier gab es das Amtsgericht, das Verwaltungsgericht, den Amtmann …“ 1834 vernichtete ein Stadtbrand viele Häuser. Die neuen Gebäude stammen aus der Zeit des Wiederaufbaus. „Das hat das Stadtbild in Rotenburg für mich ausgemacht und war Anlass für die Figur in dieser Zeit, die ich mir ausgesucht habe.“ Der Lehrer Bernhard Haake hat in den 70ern Quellen recherchiert und die Geschichten aufgeschrieben. „Daraus schöpfe ich. – Die Superintendentur ist auch ein Biedermeierbau aus dem ausgehenden Klassizismus.“ Alles beschaulich schön. Es geht Quehl darum, Geschichte lebendig darzustellen. „Normale Stadtführungen ohne Verkleidung und nur Zahlen sind doch langweilig.“

Kirchwalsede
Über Stationen in Göttingen und Verden haben die Quehls vor 20 Jahren nach Kirchwalsede rüber gemacht. „Besser kann man nicht wohnen. Morgens kommt das Einhorn um die Ecke. Wenn man Natur mag, ist man hier richtig aufgehoben.“ Lebensmittelladen, Kneipe, Gärtner, Friseur, Krippe, Kindergarten, Grundschule … „Und das bei nur rund 1.200 Einwohnern.“ Dann erwähnt sie die „wunderschöne Kirche. Diese älteste Kirche im Altkreis Rotenburg von 1150 ist in Grundzügen noch romanisch.“ Schöne alte Deckenmalereien wurden erst vor ein paar Jahren freigelegt und sind fragmentarisch erhalten. „Sie wurden beim Neuanstrich unter acht anderen Schichten entdeckt, als die Placken runterkamen. Vom Motiv her das Übliche: Ein segnender Jesus, der die Menschen in den Himmel schickt. Oder in den Höllenschlund eines Untieres, das die Bösen frisst.“ Aber nur wegen einer alten Kirche im Dorf muss man doch nicht Gästeführerin werden. Wie kam es dazu? „Wir waren hierhergezogen, haben umgebaut und vor uns hingewohnt.“ Da stolperte Quehl über den VHS-Kurs ‚Ausbildung zur Gästeführerin‘ unter der Leitung von Gina Lemme-Haase. Die hat auch die AG Gästeführung im Landkreis ins Leben gerufen. Quehl war ihr erster Ausbildungsdurchgang. Sie dachte sich: ‚Dann lernste was über die Gegend, Ur- und Frühgeschichte, die Natur, neuere Geschichte, Wirtschaft, Kirchengeschichte … ein breites Themenspektrum.‘ Es war einerseits reines Interesse, aber andererseits waren es auch 120 Stunden VHS in zwei Semestern: Einmal abends vier Stunden pro Woche und ein Samstag pro Monat mit acht Stunden. „Dann hat man was gelernt und will das auch erzählen.“ So kam sie zu ihrer Leidenschaft.

Ausbildung
Nicht jedes Semester bietet die VHS diesen Kurs an. „Aber alle paar Jahre läuft das. Vor zwei Jahren haben Gina und ich ihn zusammen durchgeführt.“ Aktuell sieht es so aus, als würde der Staffelstab übergeben. Der letzte Kurs kostete 350 Euro plus 40 Euro Prüfungsgebühr. Die Ausbildung findet auch im Wechsel in Zeven, Bremervörde oder Rotenburg statt. Träger ist nicht immer die VHS, sondern auch die ländliche Erwachsenenbildung (LEB). „Es ist Freizeit. Man muss Spaß dran haben. Es ist aber machbar. – Man lernt lernen und sich Dinge zu erarbeiten.“ Hauptsächlich Frauen nehmen an diesen Kursen teil. „Die Kinder sind groß, was kommt dann? – Es machen auch viele, die es nachher nicht anwenden. Ich lerne etwas über meine nächste Umgebung. Das ist die Motivation für viele.“ Und Hausaufgaben? „So‘n bisschen. Aber lesen, sich ein Thema erarbeiten, Referate halten – das zieht sich durch.“

DIN-EN-Norm 15565
Quehl ist qualifizierte Gästeführerin nach DIN. Voraussetzung sind 600 Unterrichtsstunden. „Man kann sich die VHS-Grundausbildung anrechnen lassen. Berufspraxis auch, wenn man schon länger dabei ist.“ Auch ihre 240 Stunden Ausbildung in Kirchenführungen konnte die Gästeführerin einbringen, allerdings nicht vollständig. Und den Plattdeutschkurs bei Hein Benjes an der VHS. Das zählt in der Ausbildung zum Bereich ‚Regionalsprachen‘. Zu den Pflichtkursen gehören Kompaktseminare wie Sprechtraining, Atemtechnik, Körpersprache und rechtliches und politisches System der EU. „Das haben wir uns nett gemacht. Ich kann auch trockenen Themen etwas abgewinnen.“ Sie verweist auf das Prüfungsthema ihrer Ausbildung als Versicherungsfachfrau. ‚Schadensregulierung bei Massenkarambolagen‘. – Quehl ist auch heute noch viel auf allen möglichen Fortbildungen unterwegs, um die Qualität zu verbessern. „Ab und zu bin ich am Wochenende zu Hause. Im Winter mehr als im Sommer.“

Organisation
Zur Verbesserung der Zusammenarbeit gründeten die Rotenburger Gästeführerinnen vor gut 25 Jahren ihre Arbeitsgemeinschaft mit heute 32 Mitgliedern. „Die sind unterschiedlich aktiv. Manche führen richtig viel, andere machen zwei Führungen im Sommer. Das kann jede so gestalten, wie sie es möchte.“ Ein halbes Dutzend Männer sind auch dabei. „In der AG legen wir Wert darauf, dass eine Gästeführerin die Ausbildung mit der Prüfung abschließt. Oder dass sie eine vergleichbare Ausbildung aus einem anderen Ort hat. Wir nehmen auch Frauen, die in einem anderen Metier qualifiziert sind: Natur- und Landschaftsführerinnen, Waldpädagoginnen …“ Jede hat ihren eigenen Schwerpunkt. „Dann gibt es eine Probeführung. Die muss vom Vorstand der AG abgesegnet werden. Wir wollen es nicht zu hoch hängen, aber wir wollen was sehen.“ Wozu eine AG? „Zusammenarbeit ist immer besser, als wenn jede im eigenen Saft brät.“ Anfangs war es auch eine Vermarktungshilfe. Jetzt machten das die touROW und die Stadttouristik mit. Gästeführungen seien Werbung für eine Stadt, meint die aktive Historikerin. „Wir sind als Verband Mitglied in der Dachorganisation. Dadurch haben wir eine Berufshaftpflicht und andere Vorteile.“ Und ist die Bude voll, oder passen noch Neue rein? „Neue stören nie. Konkurrenz belebt das Geschäft. Neue Köpfe bringen immer auch neue Ideen mit.“

BVGD
Die Dachorganisation heißt Bundesverband der Gästeführer in Deutschland e.V. (BVDG). Dort könne man nicht als Einzelperson, sondern nur als Gruppe Mitglied werden. „Man bekommt Informationen, auch rechtliche, Fortbildungen … Über die Mitgliedschaft dokumentierst du, dass du Qualität lieferst. Wir haben mit der DIN die höheren Weihen, aber den Weg der Zertifizierung gehen nicht alle. Die ist freiwillig.“ Der Dachverband versucht, einen Standard aufzubauen. „In Marokko, Spanien, Italien … studierst du Gästeführung. In Deutschland kann sich jeder so schimpfen.“ Man kann sonst wohin auf Fortbildungen fahren und sich engagieren. „Ich bin nicht bundesweit aktiv. Irgendwann will ich auch mal meinen Mann sehen.“ Und den hübschen Ausblick in Ortsrandlage. Woher wüsste Quehl sonst, dass in ihrem Garten in Kirchwalsede gelegentlich das Einhorn vorbeischaut?

Torftipp: 1) Im Sommer, bis die Uhr umgestellt wird, ist die Kirchwalseder Kirche geöffnet. Navi: Westewalseder Str. 2, 27386 Kirchwalsede, www.kirche-bkv.de/Kirchwalsede; 2) Cohn-Scheune besichtigen: www.cohn-scheune.de; 3) Almuth Quehl ‚Sagen und Geschichten aus dem Landkreis Rotenburg‘, 12,90 Euro, ISBN 978-3-95494-197-1; 4) www.bvgd.org