20 Jahre Torfkurier, der Film






Tetraeder und Selbstüberwindung

Grandioser Ausblick und Hose voll.

Text: Götz Paschen
Fotos: Morgenrot/pixelio.de und St. Kaczkowski/pixelio.de

Zur Eingewöhnung: ‚Tiger & Turtle - Magic Mountain‘. Das Treppenkunstwerk in Form einer Achterbahn steht in Duisburg-Angerhause auf der Halde ‚Heinrich-Hildebrand-Höhe‘. Bis auf den Looping ist es vollständig begehbar. Tiger & Turtle hat seinen höchsten begehbaren Punkt auf 13 Metern. Die Stahlkonstruktion wackelt leicht, wenn andere Gäste kernig aufsteigen. Der Blick auf Rhein, Stahl- und Klärwerk und Duisburg ist phantastisch. Wer leichte Höhenangst hat, ist hier gut aufgehoben. Das Monument ist eine gute Einstiegsübung, das Geländer hoch und nachts vollständig LED-beleuchtet, was die ganze Halde in helles Licht taucht.

Tetraeder
Nach dieser Vorübung geht es nach Bottrop, der Stadt, die Sie immer schon besuchen wollten. Das Kunstwerk ‚Tetraeder‘ steht wiederum auf einer Halde und bietet den Blick auf die Kokerei Prosper und die letzte aktive Zeche Prosper-Haniel. Schon die Besteigung der Halde über die lange Treppe ist halbwegs sportlich. Der Haldengipfel wirkt wie eine Mondlandschaft: Nur Steine und Weitblick. Allein dafür lohnt der Ausflug. Auch mit Rad oder Rollstuhl ist diese Ebene über Serpentinen erreichbar. Eine gerade Treppe führt im Tetraeder zur ersten Ebene und ist wegen der ‚undurchsichtigen‘ Lochblechstufen kein Thema. Dann kommt in 18 Metern Höhe das erste Aussichtsdeck. Als ‚Boden‘ dienen offene Lichtgitter zum Durchgucken auf die Schotterfläche unten. Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl im Magen. Dafür müssen Sie nicht zum Eiffelturm fahren. Mit Bottrop sparen Sie 550 Kilometer. „Schauen Sie einfach geradeaus“, rät mir eine nette Dame und räumt freundlicherweise ihren Platz am Geländer. „Das ist alles nur im Kopf“, erklärt ein Absteiger von Ebene zwei, dem das gar nichts ausmacht. ‚Ja, wo sonst, du Schlaumeier‘, denke ich.

Aufstieg
Ich blicke auf die weiß qualmende Kokerei und überlege, ob das nicht vielleicht schon reicht an Ausblick. Netterweise sind die Ebenen und Treppen an Stahlseilen aufgehängt und schwanken etwas im Wind. Wer nüchtern bleibt, sieht ein solides Monument, deutsche Ingenieurskunst, normale Stufen und den Weg nach oben. Die Geländer sind hochgezogen. Ein junger ‚Türke‘ trägt seine Freundin auf die zweite Ebene wie einen Sack Mehl auf der Schulter die Treppe hoch. Sie quiekt vor Angst. Ebene zwei ist ein Rundlauf mit Innenloch in 32 Metern Höhe. Ein Vater hebt sein Kind hoch über das Geländer, damit es runterwinken kann. Ich schaue weg. Die Aussicht ist der nackte Wahnsinn. Sie reicht bis Duisburg, Oberhausen, Essen, Gelsenkirchen und Gladbeck. Oder unten direkt auf Zeche, Kokerei, Sommerrodelbahn und Skiabfahrthalle mit Solardach. Der Blick durch das Gitter nach unten ist inzwischen so unwirklich hoch, dass der Kopf sich daran gewöhnt hat.

Gipfel stürmen
Die vollverkleidete Wendeltreppe führt auf die dritte Ebene. Ein schief hängender Rundlauf mit 8 Grad Neigung bietet ein phantastisches Panorama. Netterweise ist der Boden hier aus blickdichtem Stahl. Die Frage ist, wie oft in Ihrem Leben fahren Sie nach Bottrop. Wenn Sie dann schon einmal hier sind, können Sie auch ganz hoch. Die Vernunft besiegt die Angst, wenn man sich einredet, dass kein wirkliches Risiko besteht. Es ist auch nicht ehrenrührig, sich beim Aufstieg krampfhaft am Geländer festzuhalten, was die Treppe gar nicht erfordert. Andere Leute, haben keine Kinder … Was wissen Sie, was die, die hier flott hochspazieren, sich in ihrem Leben alles nicht getraut haben. Nach dem Motto ,Mut wird belohnt‘ verweilen Sie auf dem Rundgang oben im Tetraeder. Die Abraumhalden des Bergbaus haben Weitblicke geschaffen, die es künstlerisch und monumental veredelt nun zu genießen gilt. Karge Gipfel, schwindelerregende Aufstiege, großartige Aussicht in eine Industriekulisse, die umfangreiche Transformation hinter sich hat.

Torftipp: Höhenangst überwinden.