20 Jahre Torfkurier, der Film






Wildnisschule für Kinder

Wild sein, still sein und die Sinne schärfen.

Text: Götz Paschen
Fotos: Götz Paschen und Hof Grafel

„Ein Wutausbruch im Wald geht, wenn die Wurfrichtung stimmt. Das sind emotionale Dinge, die nicht in den Alltag passen, aber die Emotionen haben wir alle. Kinder können hier Stressgefühle auflösen, weil sie draußen powern können. Sie dürfen auch mal wütend, sauer oder böse sein. Wir alle können draußen Kraft abbauen. Die Energie will raus. Das geht nicht in einer Dreizimmerwohnung.“ Christian Laing (34) mit Vorfahren in Schottland ist Natur- und Wildnispädagoge und Erzähler auf Hof Grafel in Rotenburg. Er hat ökologische Landwirtschaft in Witzenhausen studiert, und jetzt zieht es ihn in den Wald. Kathrin Peters (30) ist ebenfalls Natur- und Wildnispädagogin. Sie ist auf Hof Grafel aufgewachsen und hat soziale Arbeit studiert: „Im regulären Alltag der Kinder herrschen Reizüberflutung, Leistungsdenken und Konkurrenz. Wir leben eine andere Kultur des Miteinanders: Gemeinsamkeit, Verbindung und Unterstützung.“

Kinder
Die Kinder vom letzten Wochenende waren völlig unterschiedlich. Peters: „Wenn die Kinder naturverbundene Eltern haben, können die hier im Wald viel benennen. Für andere gibt es draußen nur Fremdkörper: Spinnen sind eklig, Fichtenharz ist ekelig …“ Unter dem Lupenglas löst sich dieser Ekel auf. Da entdecken sie dann, dass die Spinne acht Beine hat und finden das spannend. Früher haben Kinder Banden gebildet und sind draußen rumgestromert. Laing: „Unsere Eltern wussten nicht, was wir machen. Das spielende Kind in der freien Natur ist vom Aussterben bedroht. Schule, Unterricht, Sport – es herrscht immer Kontrolle. Ständig ist einer da, der das Kind kontrolliert.“ Ergänzt durch die Fernsteuerung und Überwachung per Handy und WhatsApp. Das Leben ist vorgefertigt. Der Rahmen sind festgezurrt. Material und Angebote können konsumiert werden. Spielen findet häufig am Bildschirm statt. Auch dort ist der Ablauf klar diktiert. Peters: „Es werden immer fertige Programme herangezogen. So entstehen Konsumenten. In der Natur als freier Spieler kann Kreativität entstehen.“

Landeier
Peters hat einige Zeit in Berlin gewohnt und weiß, wie schwer es in Städten ist, an Natur zu kommen. Nach dem Lager haben die Kinder es leichter, den Weg zur Natur zu finden. Was die Strecken allerdings nicht verkürzt. Hier sind ländlich wohnende Kinder im absoluten Vorteil. Laing: „Wo willst du in Berlin Lagerfeuer machen? Das geht in Scheeßel schon leichter.“

Naturkontakt
Die Verbindung zur Natur sei verschüttet, aber nicht abgerissen. Die Lagerleiter zitieren: „Die Schicht der Zivilisation ist nicht dicker als drei Tage!“ Ein Wildniscampbesuch gleicht einer Heimkehr. Peters: „Manche finden hier ihr Zuhause, in dem sie genügen. Andere wollen mehr Natur in ihrem Leben haben, empfinden sie aber nicht als Zuhause.“ Die Naturverbindung muss früh permanent genährt werden durch den Großvater, die Lehrerin … Instinkte zu wecken, eine friedliebende Naturbeziehung aufzubauen – beides gehört zu den Lagerzielen. Beispielsweise auch die Übung im Wald: Was ist das leiseste Geräusch, das du wahrnehmen kannst? Peters und Laing wollen eine Schnur der Rückbesinnung weben, aus der ein starkes Seil werden kann. Das soll einen mit der Natur als Kraftquelle verbinden. Peters: „Viele Menschen haben das Gefühl von Nicht-Verbundensein, Einsamkeit, Isolation – egal wo sie sind, können sie immer wieder an dieses Naturzuhause anknüpfen.“

Instinkte
Die Dreitagesschwelle gelte für Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Eine Übung ist, mit verbundenen Augen durch den zu Wald gehen und Instinkte zu wecken. Und dann greift einer nach einem Ast und schiebt ihn weg, ohne dass er ihn vorher gesehen hat. Laing: „Es gibt einen Körperradar. Der führt dich beispielsweise auch intuitiv über das Bauchgefühl zum Reh, ohne Berechnung.“ Frösche stören nicht mehr beim Einschlafen. Singvögel wecken einen nicht. „Nach drei Tagen hast du sie alle mit drin.“ Ein Handyverbot ist überflüssig. Beim Fährtenlesen zückt keiner sein Handy. Das liegt den ganzen Tag im Zelt. Wenn einer abends sein Handy anmacht, ist es irgendwann leer und wird nicht wieder aufgeladen.

Akzeptanz
Entspannung und Verbundenheit sind weitere Ziele der Lager. Sie öffnen die Sinne, vermindern Reize und bringen neue Reize. Laing: „In der Großstadt machst du alle Sinne zu und grenzt dich ab.“ Ein natürlicher Reflex bei Reizüberflutung. Der Umgang miteinander im Lager ist auch anders. Peters: „Die Natur ist ein Rückzugsort, der nich kritisiert, nicht urteilt.“ Entsprechend sind die Sätze, die die Kinder im Lager empfinden sollen: „Ich bin wichtig. Ich bin genug. Das was ich mache, ist wichtig.“ Niemand ist perfekt. Auf Hof Grafel wird der Aufbau einer neuen Kultur des Miteinanders erprobt. In der Zivilisation sei man nie genug: Nicht schnell, intelligent, ordentlich, wortgewandt … genug. Laing: „Es ist alles leistungsoptimiert von Kindesbeinen an. Aber ein langsamer Junge ist der beste Fährtenleser. Das ist unser Ansatz. Jede Qualität findet hier ihre Anerkennung.“

Dankbarkeit
Im Lager gibt es als kleines Ritual eine Dankesrunde vor den Mahlzeiten, bei der alle sagen können, wofür sie dankbar sind. Das erinnert an ein Tischgebet, sieht aber anders aus. Die Gruppenleiter orientieren sich rein an ihrer naturpädagogischen Ausrichtung, ohne einen weiteren Gesinnungshintergrund. Peters: „Wir sind keine Indianer und wollen auch keine werden. Wir machen hier kein Indianercamp. Wir gucken, wie die Kulturelemente bei uns waren und erfinden passende Rituale. Wir müssen uns keine von anderen Stämmen aneignen.“ Zum kulturellen Kontext passt Erntedank, was als Teil des Herbstfestes an Wildnisschulen gefeiert wird. Laing meint: „Dankbarkeit schafft Bewusstsein, schafft Verbindung und Beziehung zum Außen.“

Realitätswandel
Wieviel Naturkontakt hat ein Kind heute? Wer geht mit seinen Kindern in den Wald? Konsum dominiert den Alltag. Vielen fehlt der aktive Bezug zur Natur. Auf Hof Grafel waren schon Kinder aus Bremen, die erst hier mit acht bis zehn Jahren zum ersten Mal im Wald waren. Laing: „Das Ballerspiel erzeugt eine Informationsflut in uns. Draußen findet keine Berieselung, sondern aktives Spiel statt: Du musst selber deine Sinne rausschicken.“ Die beiden suchen mit den Kindern ein ‚Rehbett‘. Rehe liegen nicht auf Blättern, sondern auf dem Boden. Vermutlich zur Geräuschvermeidung bei der Flucht. Die Kinder finden weitere Rehbetten. Peters und Laing sind sich sicher, dass verringerte Sinneserfahrung, Aufmerksamtkeitsprobleme, psychosomatische und sonstige Störungen hervorrufen kann. Und: Dass sich in der Natur so etwas wieder auflösen lässt. Der Autor Richard Louv spricht von einer ‚Naturdefizitstörung‘, was allerdings keine anerkannte Diagnose darstellt. Stress abbauen, beim Klettern die Koordination und Motorik schulen, Gemeinschaft erleben. Wer seinen Körper und sich selbst mehr wahrnimmt, nimmt auch andere mehr wahr. Die Empathie für Natur und Menschen bedingen sich gegenseitig.

Pädagogik
Laing: „Die Natur gibt vor, was Phase ist. Wenn die Wildschweinrotte vorbeiläuft, stehen unsere geplanten Pflanzen hintenan.“ Die Lagerleiter haben ihre Ideen und ihren Plan. Wenn die Begeisterung aber woanders ist, lenken sie ein. Das ist ihr 50 : 50 Prinzip. „Wieviel planen wir und wieviel sind wir im Fluss. Bei spontanen Gelegenheiten greifen wir entsprechend in unseren Werkzeugkoffer.“ So beschreibt Peters ihren Ansatz. Die drei Schritte lauten: Von Inspiration zu Motivation zu Aktion. Die Ziele sind klar formuliert: Naturverbundenheit, Gemeinschaft, Selbstwirksamkeit. Der Weg dahin ist flexibel und spielerisch. Laing: „Am Anfang schaffen wir Neugierde: Ich gebe beispielsweise damit an, dass das Essen mit dem selbstgeschnitzten Löffel viel besser schmeckt. Spätestens Sonntag haben die alle einen selbst geschnitzten Löffel.“ Und wenn ‚Star Wars‘ das große Thema ist, ist bei der Birke das eine Lager und bei der Buche das zweite. Die Eichenstöcke sind die grünen Laserschwerter … Peters: „Wir müssen den Schlüssel als Zugang finden, die Kinder da abholen, wo ihr Interesse ist und überleiten zu dem, was uns wichtig ist.“

Scheiße
Die Kinder sammeln im Wald alles, was passend für das ‚Naturmuseum‘, eine kleine Ausstellung auf einem Baumstumpf, ist: Federn, Knochen, Gewölle (hochgewürgte Speisereste von Eulen) und Losung (Tierkot). Die Kursleiter sind der Ansicht, dass Kinder aus sich selbst heraus etwas lernen wollen: Vegetarische Tiere machen nur Köttel – Hase, Reh … Fleisch- und Allesfresser machen nur Würste – Fuchs, Marder … Das vergisst kein Kind, wenn es das gehört hat. Laing und Peters bieten keinen Frontalunterricht. Die Informationen werden auf phantasievolle Art und Weise vermittelt und entnommen. Sie erzählen Geschichten und singen. Peters: „Begeisterung ist die Grundlage für Lernen. Darüber geht es bei uns auch.“ Entscheidend ist, dass ein Mensch aus sich selbst heraus etwas lernen will.

Eltern
Zielgruppen sind Kinder 8 – 12, Jugendliche 12 – 15 und Erwachsene ab 18 Jahren. Daneben gibt es Familiencamps und Fortbildungen für Erzieher/innen als Multiplikatoren. Kürzlich hatten sie einen Tag im Wald mit 13 Erzieherinnen und Anleitung für passende Spiele. Laing bietet an der Uni Kassel ein Modul zur ‚Einführung in Wildnispädagogik‘ an. Warum melden Eltern ihre Kinder an? Laing: „Irgendetwas spricht es in den Eltern an. Der Wunsch ist in den Eltern. Aber die Kinder sind auf extrem unterschiedlichem Level.“ Es gibt Jungen, „die total abgehen, weil Opa mit dem Jungen regelmäßig angeln geht.“ Aber es kommen auch Kinder, die sehr ängstlich sind. Und nachher schlafen sie doch mit dem Kumpel nachts in der Laubhütte. Normalerweise kommt das Essen aus der Küche vom Hof Grafel, aber nicht beim Erlebniskochabend. Da wird Feuer mit dem Schlageisen entzündet. Die Kinder müssen das Feuer hüten und bei Regen trockenes Holz finden, Wildkräuter sammeln. Dann gibt es Wildkräuter in Stockbrotteig oder als Pesto, als Tunke oder gar Giersch im Teigmantel.

Coyoten-Unterricht
Ein Jon Young habe die grundsätzlich übereinstimmenden Lernformen indigener Kulturen untersucht: Wie geben diese Kulturen Wissen ohne Schulen weiter? Die Lehrmethoden naturnaher Völker haben übereinstimmende Prinzipien: Geschichten erzählen, spielen, Lieder singen, lehrreiche Fragen stellen und vorleben. Das verstehen die Kursleiter unter ‚Coyoten-Unterricht‘. Immer wieder spielen Neugierde und Adrenalin eine Rolle. Wissensvermittlung bei gleichzeitigem Tun. Peters fragt: „Was für eine Gesellschaft haben wir, wenn wir durch Sozialisation Menschen schaffen, die nur konsumieren, keine Verantwortung übernehmen, träge sind und denen die Begeisterung fehlt? Wir haben eine Gesellschaft aus Menschen, die nicht mehr erwachsen werden wollen. Aber wir brauchen verantwortungsvolle Erwachsene, die gleichzeitig einen Zugang haben zu ihrer kindlichen Freude und Leichtigkeit.“

Torftipp: 1) „Wenn deine Welt einmal aus den Fugen gerät und sich Abgründe vor dir auftun, hilft der Weg in die Natur.“ 2) Kathrin Peters, Tel. 01 76 - 622 74 376, www.wildnisschule-habichtswald.de